“WHERE IN VIENNA WOULD YOU TAKE A GUEST VISITING THE CITY FOR THE FIRST TIME, AND WHY?”

Was kann Kunst zum Gemeinwohl beitragen?

Gabriele Senn
Verband österreichischer Galerien moderner Kunst
Wer in der Kunst das Visionäre, Verbindende sucht, hat es nicht nur mit einem in die Zukunft hin offenen Prozess, sondern auch mit der vergangenen Geschichte der Kunst zu tun. Wie bereits Hegel sagte, kann die »Macht der Kunst« durch ihre Bilder, Zeichen und Vorstellungen auf das Gemüt des Menschen einwirken, es rühren und erschüttern. Zu sensibilisieren und Neugierde zu wecken ist eine Aufgabe, der wir Galerien uns täglich stellen.
Hans-Peter Wipplinger
Leopold Museum
Kunst organisiert Ide­entransfers, die einer Flexibilität des Denkens zuarbeiten und ein Nachdenken über gesellschaftspolitische Aspekte sowie ästhetische Kategorien anregen. Sie setzt Zeichen, die dazu bei­tragen, unsere Gesellschaft und unsere Geschichte differenzierter zu betrachten und mit unserer Identität in Beziehung zu setzen. Dazu zählt auch die Konfrontation des Wohlvertrauten mit dem vermeintlich Fremden, die eine Überprüfung der eigenen Maßstäbe und Wahrnehmungsmuster bedingt. Kunst schafft Respekt für das Andere.
Matti Bunzl
Wien Museum
Es ist momentan nicht unbedingt in Mode, dem Projekt der Avantgarde nachzutrauern oder es gar als für unsere heutige Zeit relevant zu erachten. Genau so eine Avantgarde – im ursprünglichen Sinn einer Formation, die Emanzipation imaginiert und ihr den Weg ebnet – ist aber gefragt, um die Komplexität der Gegenwart zu begreifen und die Zukunft affirmativ zu gestalten. Die Brücken, die die Kunst bauen kann, sind für das Gemeinwohl wichtiger denn je.
Monika Pessler
Sigmund Freud Museum
Bieten die Bildfindungen der Kunst die Chance, sozialen Befindlichkeiten auf die Spur zu kommen, so wird in der Psychoanalyse das gesprochene Wort zum Konstruktionsmaterial innerer Vorstellungswelten. Oft eint der Versuch, Unsichtbares oder Verdrängtes zu verdeutlichen, die künstlerische und analytische Praxis – unser Programm zur VIENNA ART WEEK 2015 verdeutlicht dies in der Untersuchung psychoanalytischer Dimensionen im Animationsfilm.
Gerald Bast
Universität für angewandte Kunst Wien
Nun, da der Kampf gegen Demokratie und Meinungsfreiheit im Herzen Europas seine grauenhafte Fratze zeigt und verzweifelt gefragt wird, wie es so weit kommen konnte, sollte doch endlich klar werden, dass Kunst als Instrument der Aufklärung, der Toleranz und der geistigen Offenheit zu sehen ist. Kunst verändert nicht die Welt, aber sie generiert und transportiert Werte, die Menschen beeinflussen. Und es sind die Menschen, die unsere Welt verändern.
Peter Zawrel
Künstlerhaus
Kunst kann. Am meisten kann sie, wenn sie an nichts denkt als an sich selbst. Sie vermag dann zum Beispiel zum Gemeinwohl beizutragen, indem sie uns belehrt, erfreut oder verärgert und dadurch gemeinwohlige Brücken baut: zu anderen Kulturen, Welten, Menschen. (Wann sind denn Sie zum letzten Mal in einer Ausstellung mit jemandem ins Gespräch gekommen?) Und sie lässt uns umso mehr über uns (und darüber, wie wir unser gemeines Wohl steigern können) nachdenken, je weniger sie über uns nachdenkt. Ja, Kunst kann.
Klaus Albrecht Schröder
Albertina
Kunst verführt uns dazu, die Dinge anders zu betrachten, als wir es gewohnt sind. Sie lädt zum Perspektivenwechsel ein, bringt Aspekte zum Vorschein, die wir normalerweise nicht sehen und unter Umständen auch gar nicht sehen wollen. Zwangsläufig erweitert Kunst unseren Horizont. Sie baut Brücken über geografische Distanzen und Epochen hinweg, vor allem aber baut sie eine Brücke zu uns selbst, ihren Betrachtern.
Agnes Husslein-Arco
Belvedere und 21er Haus
Kunst hat sich immer schon mit sozialen Fragen auseinandergesetzt. Wesentlich in diesem Zusammenhang war Joseph Beuys, der mit seiner Idee der Sozialen Plastik Menschen dazu anregen wollte, durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen und auf die Gesellschaft gestaltend einzuwirken. In diesem Sinne bin ich fest davon überzeugt, dass Kunst immer eine Brücke zu anderen Disziplinen schlägt, indem sie soziale und wirtschaftliche Fragen reflektiert und die Gesellschaft zu einem produktiven Dialog aufruft.
Bettina Leidl
KUNST HAUS WIEN
In Bezug auf die Gemeinwohldebatte reagiert politische Kunst auf die negativen Auswirkungen des globalen Turbokapitalismus. Kunst kann mit den ihr zur Verfügung stehenden Instrumenten wichtige gesellschaftspolitische Anliegen formulieren. Ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung sind zentrale Werte der Gemeinwohlökonomie.
Herwig Kempinger
Secession
Ich fürchte, dass in unserer Gesellschaft Brücken ausschließlich von Ingenieuren gebaut werden, dass professionelle Verweigerung gegenüber neuen Denkweisen eine Tugend ist und sich der Zugang zu neuen Lebenswelten auf das Wochenendhaus beschränkt. In einer Kultur der Zerstreuung und Animation ist Kunst noch immer eine Herausforderung, die man suchen muss, und keine Selbstverständlichkeit.
Berthold Ecker
MUSA
Als sinnliches Dokument des Schöpferischen steht Kunst mit allen Bereichen des menschlichen Seins in ursächlichem Zusammenhang. Sie ist ein Ausdruck des Erfassens und Vermittelns, auch in Bereichen, die der herkömmlichen Kommunikation verschlossen bleiben. Das Schöpferische wurzelt im Urgrund der Existenz und wird daher über alle Kulturgrenzen hinweg verstanden. Kunst ist ihrem Wesen nach auch eine Brücke zu einem universalen emphatischen Miteinander.
Karola Kraus
mumok
Unsere Gesellschaft ist auf die Kunst als kritischer Blick von außen angewiesen, um festgefahrene Denkmuster aufzubrechen und neue Perspektiven aufzuzeigen. Sich einem Kunstwerk auszusetzen heißt auch, die eigenen Ansichten infrage zu stellen und somit den Blick für andere Realitäten und Lebenswelten zu öffnen. Das macht Kunst zum unersetzlichen Indikator, um sowohl gesellschaftliche Fragen als auch Ist-Zustände auszuloten und neu zu definieren.
Christian Strasser
MuseumsQuartier Wien
Kunst gibt uns die Möglichkeit, Themen aus einer neuen Perspektive zu sehen. Darum ist es mir ein Anliegen, insbesondere jungen Menschen einen unkomplizierten Zugang zu Kunst und Kultur zu bieten und ihnen damit das Kennenlernen neuer Ideen und Sichtweisen zu ermöglichen. So finden im MuseumsQuartier das ganze Jahr über Veranstaltungen bei freiem Eintritt statt, die das vielfältige Angebot der Kultureinrichtungen direkt zu den Besuchern vor Ort bringen. 
Christoph Thun- Hohenstein
MAK
Wien ist ein guter Ort dafür, mit Kunst zur Verbesserung der Welt beizutragen. Das war in der Wiener Moderne um 1900 so und gilt wieder in der heutigen Digitalen Moderne. Kunst eröffnet neue Denk­räume, die keinen direkten Nutzen bringen müssen und gerade deshalb umso inspirierender sein können. Die von mir initiierte Vienna Biennale ist der Versuch, Kunst mit Design und Architektur in Verbindung zu bringen und eine neue Einheit der Künste für positiven Wandel zu fördern.
Francesca Habsburg
TBA21
Künstlerinnen und Künstler sehen sich ebenso wie Kuratoren zunehmend als »agents of change«; sie wollen zu einer gesellschaftlichen Veränderung beitragen. Dieser wichtigen Bewegung möchte ich mit meiner Stiftung TBA21 die volle Energie widmen und damit zu einer positiven Veränderung beitragen. Menschenrechte, der Klimawandel und seine Folgen sind mir immens wichtig. Die nächsten zehn Jahre könnten die bedeutsamsten für die nächsten 10.000 Jahre sein. Jede Ent-­ scheidung, die wir heute treffen, hat Einfluss – wir sollten daher die richtigen Entscheidungen treffen!
Nicolaus Schafhausen
Kunsthalle Wien
Die Anregungen, die Kunst liefern kann, liegen in der Irritation und in den Diskussionen, die sie auslöst. Demgemäß sehe ich ihre Funktion weniger darin, eine Brücke zu schlagen, als vielmehr darin, der Finger zu sein, der sich auf die Wunden der Gesellschaft legt. In Hinblick auf die Entfaltung ihrer »subversiven Kompetenz« sollten Kunstinstitutionen entsprechenden Mut aufbringen und neue Konstellationen sowie unkonventionelle Praktiken sichtbarer unterstützen.
Martina Taig
KÖR Kunst im öffentlichen Raum
Im 17. Jahrhundert wurde »öffentlich« mit dem Gemeinwohl einer Gesellschaft gleichgesetzt. Vor diesem Hintergrund lässt sich Kunst im öffentlichen Raum als Angebot, als Instrument für gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen, deren Inhalte und Haltungen verstehen. Kunst als Kommunikationsmittel, um Empfindungen, Ansichten und Meinungen auszudrücken, kann zwischen den unterschiedlichsten Menschen vermitteln, verbindend wirken und somit neue (Lebens-)Räume schaffen.
Karlheinz Essl
Essl Museum
Wo auch immer ich unterwegs war, habe ich gesehen, dass Kunst eine Notwendigkeit für den Menschen und für den Wandel unserer Gesellschaft darstellt. Das Besondere ist, dass wir keine Sprache dafür benötigen und jeder sich damit beschäftigen kann. Wir leben in einer Zeit, in der Künstler weltweit intensiven Austausch pflegen. Wien wurde zu einem Knotenpunkt: Hier entsteht viel Kunst und wird diese auch gezeigt. Unsere Aufgabe als Museum ist es, den Austausch zu unterstützen und die Kunst den Menschen zugänglich zu machen.
Alexander Horwath
Österreichisches Filmmuseum
Kunst kann zum Gemeinwohl beitragen, wenn alle, die sie produzieren, vermitteln und wahrnehmen, sich daran erinnern, dass Kunst keine Lösung ist – keine Lösung für soziale oder sonstige Ungerechtigkeiten, keine Lösung für verkehrte Stadtplanung, keine Lösung für Minderwertigkeitsgefühl, Größenwahn und andere individuelle Probleme. Kunst ist keine Lösung, sondern eine Anspannung. Wer angespannter empfindet, wird empfänglicher für eine Idee von Gemeinwohl, die nicht auf Umfragemehrheiten basiert.
Gerhard Hirczi
Wirtschaftsagentur Wien
Kreativität ist ein Motor für wirtschaftliches Wachstum und Transformation. Sie verführt, verleitet … und zwingt manchmal dazu, neue Sichtweisen zuzulassen. Unsere Aufgabe als Wirtschaftsagentur der Stadt ist es, dieses Potenzial für den Standort und die Menschen nachhaltig zu nutzen. Indem wir die Kreativwirtschaft – und damit auch den Kunstmarkt – mit der klassischen Wirtschaft vernetzen, ermöglichen wir ein produktives Zusammenspiel, durch das sich neue Kapitel für den Kreativ- und Kunststandort Wien öffnen.
Eva Blimlinger
Akademie der bildenden Künste Wien
Kunst kann alles, und Kunst kann nichts. Kunst muss nichts können, aber sie kann die Menschen erfreuen, verärgern und verstören, sie kann Gespräche initiieren, sie kann zum Nach- und Vordenken anregen, sie kann Ästhetik vermitteln, sie kann als Propagandainstrument eingesetzt werden, sie kann erklärt und analysiert werden, sie kann ge- und verkauft werden, sie kann aus- und abgestellt werden, sie kann neue Welten erschließen und alte verstehbar machen. Sie kann alles.
Dietmar Steiner
Architekturzentrum Wien
»Creating Common Good«. Ob Kunst dies tatsächlich leisten kann, bleibt zu diskutieren. Die Architektur kann es auf jeden Fall, indem sie Strategien, Konzepte und Räume für das Allgemeinwohl entwickelt und anbietet. Den positiven Ideen zu diesem Thema widmete sich das Architekturzentrum Wien zuletzt 2014 mit der Ausstellung »Think Global, Build Social! Bauen für eine bessere Welt«. Wie sich die Architektur darum bemüht, dem Gemeinwohl zu dienen, machen die Studio Visits des Az W im Rahmen der VIENNA ART WEEK erfahrbar.
Sabine Haag
Kunsthistorisches Museum Wien
Die Auseinandersetzung mit Kunst war und ist für die Menschen jeder Kultur und Epoche wesentlich: Sie fordert uns auf, unseren Standpunkt und den Blickwinkel auf die Welt stets aufs Neue zu hinterfragen. In einer sich immer stärker diversifizierenden Welt kann die Beschäftigung mit Kunst helfen, die Vielfalt kultureller Prozesse und Strömungen vergangener und gegenwärtiger Gesellschaften besser zu verstehen. Kunst wird so zu einem wichtigen Mediator zwischen den Kulturen und trägt zu einem toleranteren Miteinander bei.
Peter Bogner
Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung
Als universelle Sprache versteht es die Kunst, in unserer globalen Welt die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Kulturen zu verstärken. Heutige künstlerische Medien können durch ihr breites Spektrum – im Idealfall über Ideologien und Paradigmen hinweg – ihre Aufmerksamkeit auf die akuten Felder gesellschaftlicher und politischer Entwicklung richten. Eine den Prinzipien des Humanismus verpflichtete Kunst kann zu Weltverständnis und Toleranz gegenüber anderen Denk- und Handelsweisen beitragen.